Dienstag, 11. August 2009

Die Geister, die ich rief

Als die Generation geboren wurde, der ich angehörte, fand sie die Welt ohne Stützen für Leute mit Herz und Hirn vor. Die zerstörerische Arbeit der vorangegangenen Generation hatte bewirkt, dass die Welt, in die wir hineingeboren wurden, uns keinerlei Sicherheit in religiöser Hinsicht, keinerlei halt in moralischer Hinsicht, und keinerlei Ruhe in politischer Hinsicht bieten konnte. Wir wurden in metaphysische Angst, in moralische Angst, in politische Unruhe hineingeboren. Trunken von äußerlichen Formeln, von den bloßen Verfahren der Vernunft und der Wissenschaft hatten die uns vorangegangenen Generationen alle Fundamente des christlichen Glaubens unterhöhlt, weil ihre Bibelkritik, die von der Kritik an den Texten zur Kritik an der Mythologie des Christentums übergegangen war, die Evangelien und die vorangehende Hierographie der Juden auf eine ungewisse Ansammlung von Mythen, Legenden und bloßer Literatur reduziert hatte; ihre wissenschaftliche Kritik deckte Schritt um Schritt die Irrtümer und groben Naivitäten der ursprünglichen „Wissenschaft“ der Evangelien auf; gleichzeitig schwemmte die Diskussionsfreiheit, die alle metaphysischen Probleme zur Debatte stellte, die religiösen Probleme mit sich fort, so weit sie metaphysischer Natur waren. Trunken von einer ungewissen Sache, die sie „Positivismus“ nannten, kritisierten diese Generationen die gesamte Moral, durchstöberten alle Lebensregeln, und von diesem Zusammenstoß der Lehrmeinungen blieb nur die Ungewissheit aller zurück und der Schmerz darüber, dass es keine Gewissheit gab. Eine derart in ihren Grundlagen erschütterte Gesellschaft konnte konsequenterweise auch in der Politik nur ein Opfer dieser Disziplinlosigkeit werden; und so erwachten wir für eine nach gesellschaftlichen Neuerungen begierige Welt, und mit Freude ging man auf die Eroberung einer Freiheit los, von der man nicht wusste, was sie war, und auf einen Fortschritt, der nie genau definiert worden war.
Aber der grobschlächtige Kritizismus unserer Eltern hinterließ uns zwar die Unmöglichkeit, Christen zu sein, nicht aber die Zufriedenheit mit dieser Unmöglichkeit; er hinterließ uns den Unglauben an die überlieferten moralischen Formeln, nicht aber die Gleichgültigkeit gegen die Moral und die Regeln des Zusammenlebens; er ließ zwar das politische Problem in der Schwebe, unseren Geist aber nicht gleichgültig gegenüber der Lösung dieses Problems. Unsere Eltern zerstörten mit Befriedigung, weil sie in einer Epoche leben, in der noch Reste der soliden Vergangenheit übrig geblieben waren. Eben das, was sie zerstörten, hatte der Gesellschaft Kraft verliehen, so dass sie es zerstören konnten, ohne die Risse am Gebäude zu bemerken. Wir haben die Zerstörung und ihre Resultate geerbt.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)

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